La venada viene, la venada se va…

„An einem Wintervormittag – draußen fiel Schnee im trüben Licht – saß K. trotz der frühen Stunde schon äußerst müde in seinem Büro. Um sich wenigstens vor den untern Beamten zu schützen, hatte er dem Diener den Auftrag gegeben, niemanden von ihnen einzulassen, da er mit einer größern Arbeit beschäftigt sei. Aber statt zu arbeiten drehte er sich in seinem Sessel, verschob langsam einige Gegenstände auf dem Tisch, ließ dann aber, ohne es zu wissen den ganzen Arm ausgestreckt auf der Tischplatte liegen und blieb mit gesenktem Kopf unbeweglich sitzen.“

Der besagte Kratersee, den wir am 26.03. besuchten, die Laguna de Apoyo, war in der Tat recht idyllisch; vom Bus am Kraterrand ausgesetzt, blieb uns ein Abstieg von einer halben Stunde in der prallen Hitze, mit toller Aussicht auf den blauen See. Die Wellen waren fuer so einen kleinen See erstaunlich praesent. Im Restaurant am Ufer durften wir den schlechtesten Service bis erleben: Was hier oefters praktiziert wird, ist, dass die Getraenke erst mit dem Essen serviert werden; manchmal auch erst 5 Minuten nach dem Essen. Hier aber bekam ich meinen Eistee erst, als wir mit Essen fertig waren, dann hatte er leider auch noch einen seltsamen Fischbeigeschmack. Der Kellner strich ihn immerhin von der Rechnung. Ich ueberlegte erstmalig, das „freiwillige Trinkgeld“ von 10 %, das oft automatisch auf die Rechnung geschrieben wird, auf Nachfrage nicht zu zahlen. Ich zahlte es aber (mein Vater haette vielleicht anders gehandelt), um danach festzustellen, dass der Kellner einfach 5 Cordobas mehr aufgeschrieben hatte, als die Summe ergab. Er gab mir diese zwar raus, aber sah keinerlei Anlass sich irgendwie zu entschuldigen. Manchmal verstehe ich die Leute hier nicht.
Zurueck in Masaya beschlossen wir aufgrund der fortgeschrittenen Stunde, nochmal zu uebernachten, und die Weiterreise auf den naechsten Tag zu verschieben.

Am Samstag (27.03) kamen wir mittags in Granada an. Die touristisch begehrteste Stadt Nicaraguas liegt am Ufer des Lago de Nicaragua, des groessten Sees Mittelamerikas. Die Hosteloptionen waren nicht so befriedigend wie in Leon, es gab zwar viele Angebot, aber nicht besonders hochwertige. Wir entdeckten erst nach dem Bezahlen, dass das Bett aus Brettern und einer 10 cm-Matratze bestand. Wir wechselten noch schnell das Zimmer, da dort immerhin nicht eines der erwaehnten Bretter fehlte.
Fuers Abendessen machten wir uns auf einen langen Marsch zu „Charlys“, ein von einem deutschen gefuehrten Restaurant, das laut Lonelyplanet (in Leon hatte ich im Hostel fuer 10 Dollar einen 2007er erworben) Maultaschen auf dem Menue hatte.
Beim Eintreten fuehlte ich mich etwas seltsam, zwischen Frankfurter, Kusterdinger und Stuttgarter Fan-Schals, Bierschildern und Jagdtrophaeen war es doch ein gutes Stueck Heimat. Der Inhaber ist ein gebuertiger Kusterdinger, der an sozialen Projekten in Granada, der Partnerstadt Frankfurts, arbeitet. Und nicht nur das:

Vor einigen Jahren war ein mit dem Motorrad die Welt umrundendes Heidenheimer Ehepaar in Nicaragua vorbeikommen, hatte dann aber irgendwelche Probleme, worauf die Motorraeder in Nicaragua verblieben, verkauft wurden und schliesslich ein Nummernschild den Weg ins Restaurant fand. Jedenfalls gab es Weizenbier, Kartoffelsalat, Linsen mit Spaetzle, und extra fuer uns auf Nachfrage zubereitete Kaesspaetzle. Der Nachtisch, bestehend aus Pfannkuchen mit Mangomarmelade und Sahne, war unverschaemt koestlich.

Am Palmsonntag (28.03) gingen wir Catarina anschauen, ein Bergdorf, besonders bekannt fuer seinen Aussichtspunkt ueber die Laguna de Apoyo, den Volkan Mombacho, Granada und den Lago de Nicaragua. Das Hostel wechselten wir, um im Tausch fuer ein besseres Bett staendige Wasserausfaelle zu bekommen. Nach dem Abendessen in der „Fussgaengerzone“ Granadas, in der sich beiderseits der Strasse ein Restaurant ans andere reiht, setzten wir uns 3 Haeuser weiter an einen Tisch um etwas zu trinken. An diesen Aussentischen kommen alle paar Minuten Suessigkeitenverkaeufer, Musikanten und Bettler vorbei. Hier lernten wir Javier kennen, einen reizenden kleinen Kerl, der sich gut mit uns unterhielt, waehrend ein geschaeftstuechtiger anderer Junge aus den Palmzweigen des Morgens Schmuckstuecke fuer Carole herstellte.

Wir spendierten Javier schliesslich eine Cola. In den Speisekarten der Restaurants las ich spaeter ein Informationsblatt, das eindringlich darauf hinwies, das Kaufen von Essen zu unterlassen, da man die Kinder damit zum Betteln anhaelt, worauf sie das der Schule vorziehen. Alle bekaemen genug zu essen, in von Hilfsorganisationen angebotenen Esskuechen. Stattdem solle man eben einer Organisation spenden, was langfristig hilft.
Das Problem kam uns aehnlich vor wie das in Arcas mit den Hunden. Javier jedenfalls ging laut seinen Worten zur Schule, aber die Semana Santa sind natuerlich Ferien. Er hatte von seiner Mutter Erlaubnis, bis um 11 auf der Strasse zu sein.

Am Montag (29.03.) machten wir nachmittags eine Tour durch Las Isletas, ein System von gut 350 Miniinseln, die wohl durch einen Vulkanausbruch entstanden sind. Die meisten sind in Besitz reicher Nicaraguaner oder Gringos, mit schoenem Ferienhaus darauf. Auf einer steht ein altes Verteidungscastillo, erbaut zur Verteidung gegen die ueber den Rio San Juan eindringenden britischen Piraten, die Granada mehrmals heimsuchten.
Auf einer Insel hat ein Tierarzt 3 (laut Fuehrer) von Tollwut befallene Affen ausgesetzt, die, inzwischen gesund, eine grosse Touristenattraktion geworden sind, und, teilweise mit den Guides befreundet, gerne einen Besuch auf dem Boot machen.
Wieder zurueck, konnte ich der Versuchung nicht widerstehen, am woechentlich in Kellys Bar abgehaltenen Pokerturnier teilzunehmen. Ich spielte mit einem Franzosen, einem Hollaender, einem Nicaraguaner und zwei aelteren US-Amerikanern, wobei die letzteren 4 regelmaessig 2 mal die Woche zusammen spielen. Einsatz 100 Cordobas (3,60 €). Und entgegen meiner Erwartung, und hoffentlich zur Freude meiner Heidenheimer Pokergenossen um Fabe, verliess ich den Tisch 2,5 Stunden spaeter als Sieger, 600 Cordobas (ca. 21 €) reicher.
Beim Abendessen leistete uns abermals Javier Gesellschaft, ich wollte ihm, nachdem er erzaehlte, dass er jeden Tag nur mittags was isst, an einem Strassenstand was zu essen kaufen, er jedoch tippte mich an, und fluesterte mir ins Ohr: „Das ist sehr teuer. Ich glaube 50 Cordobas.“ Die Verkaueferin nannte 25 als Preis, fuer eine ordentliche Mahlzeit, Javier konnte es aber nicht ertragen, dass ich so viel Geld fuer ihn ausgebe, und meinte, sein Magen haette nicht genuegend Hunger fuer so viel Essen. Wir kauften ihm schliesslich eine Packung Schokokekse (und einen Eistee), die er auf unsere Bitte mit einem anderen Jungen teilte. Dieser hielt eine Plastikflasche mit Klebstoff fest umklammert und war schon nur noch schwer ansprechbar. Dies ist eines der schrecklichen Dinge, die Strassenkindern hier passieren, dass sie klebstoffabhaengig werden und ihr Gehirn zerstoeren.

Am 30.03. machten wir uns nach Sueden auf, zur Isla de Ometepe im Lago de Nicaragua. Die Insel besteht aus 2 Vulkanen, einer davon aktiv, und dem drumherum und dazwischen liegenden Land. Zunaechst also fuhren wir mit dem Bus nach Rivas, der Stadt auf dem Festland nahe der Insel. Von dem dortigen Busbahnhof hiess es aber noch nach San Jorge, dem Hafendorf kommen. Schon waehrend der Bus in das Terminal rollte bombardierten uns mehrere Maenner mit Angeboten fuer Taxis nach San Jorge. Einer schliesslich wollte uns zu einem Colectivo fuer 30 Cordobas bringen (erste Angebote waren 10 Dollar). Er trug Caroles Rucksack, beim Verlassen des Busses bot uns ein anderer 10 Cordobas an, worauf der andere ihn anschrie, und uns ebenfalls etwas von 10 schrie. Sie begannen schreiend um den Rucksack zu ringen, schliesslich setzte uns der Mann nach 15 m mit einem groben Richtungsanzeig ab, um sich mit dem andern zu pruegeln. Wir also machten uns allein auf den Weg, umringt von 5-10 Dollar-Taxi-Anbietern. Schliesslich fanden wir eines fuer 50 Cordobas und waren froh, dieser verrueckten Stadt zu entfliehen.
Das Boot nach Ometepe war etwas beunruhigend, waehrend der Ueberfahrt unter Deck spritzte bzw. stroemte ab und an Wasser durch die Bordwand wenn Wellen gegen die Seite krachten.
In Moyogalpa, mit ca. 5000 Einwohnern „Hauptstadt“ der Insel, angekommen, bot uns ein junger Mann gratis Touristeninformation im Schatten an. Das liessen wir uns nicht entgehen, und entschieden uns dafuer, die Insel in den naechsten 2 Tagen mit einem bei seinem Verleih fuer 25 Dollar pro Tag gemieteten Motorroller zu erkunden. Eine junge Frau empfahl uns „Casa Familiar“ als guenstige Unterkunft. Die 10 Dollar pro Nacht waren tatsaechlich der Preis, und der alter Inhaber empfahl uns im Gegenzug, falls wir einen Motorroller mieten wollten, den Verleih, bei dem seine Tochter arbeitet (=.
Waehrend der Guide mir die Sehenswuerdigkeiten erlaeuterte, unterschrieb Carole den Mietvertrag. Abends vor der Pension bekamen wir den Roller ausgehaendigt, inklusive 2 Helmen, was mich ueberraschte, weil ich zwar einen Haufen Mofas, aber keinen Helm auf der Insel gesehen hatte.

Am Mittwoch (31.03.) ging es also morgens mit dem Roller los: Der Wind rauschte uns um die Ohren, die Sonne strahlte, der Himmel blaute. Nichts konnte uns aufhalten. Ausser…
Nach 5 Minuten Fahrt winkte uns ein Verkehrspolizist an die Seite. Er erbat unsere Dokumente, sowie die Fahrzeugpapiere. Ich gab ihm meinen Fuehrerschein, Carole hatte leider nichts vorzuweisen, da sie ihren Pass als Sicherheit an den Vermieter abgeben hatte sollen. Das schien den Polizisten nicht gross zu stoeren. Etwas anderes jedoch: Der Vermieter hatte uns zwar den Fahrzeugschein mitgegeben, jedoch keine Versicherung. Der Polizist stellte uns einen Strafzettel aus, und sagte, dieser diene mir einen Monat als Fuehrerschein, bis dahin habe ich Zeit, die 100 Cordobas zu zahlen, und meinen Fuehrerschein zo wiederzubekommen.
Da ich keine grosse Lust hatte, meinem Fuehrerschein in der korrupten Polizeiwelt Nicaraguas hinterherrennen zu muessen, drehten wir um. Beim Vermieter beschwerten wir uns. Richtig verstanden, ob der Roller nun eine Versicherung hatte, oder nicht, habe ich immer noch nicht. Wir wollten eh lieber gleich einen neuen, da unser Exemplar einen Linksdrall aufwies, der mit der Zeit sehr in den Arm ging. Der Chef, ein aelterer Weisser mit beeindruckendem Schnurrbart, der aus „Easy Rider“ entlaufen schien, versprach, mit zum Polizisten zu kommen, wir sollten uns dort treffen. Wir machten uns also mit dem neuen Roller auf. Die Abzweigung, an der der Polizist gestanden hatte, und an der er laut seines Versprechens auch immer noch stehen wuerde, war natuerlich verlassen. Ein Mann konnte uns die Auskunft geben, dass der Polizist den Weg zum Strand gefahren war. Wir hatten keine Lust zu warten, und ich durfte das erste Mal meine nicht gross vorhandenen Rollerfahrerfahrungen an einem Weg aus Sand, Dreck und Steinen testen. Der Polizist befand sich in der Strandbar, zwar nicht gemuetlich ein Bier trinkend, aber in unseren Augen sich alle Muehe gebend, diesen Anschein zu erwecken. Wir zeigten ihm das Versicherungspapier, dass uns der Vermieter gegeben hatte, sowie eine Quittung mit der Aussage, dass die 100 Cordobas bezahlt seien. Der Polizist wollte davon allerdings nichts wissen, er erklaerte diese Quittung fuer null und nichtig, und meinte, wir koennten ja die 100 Cordobas ihm zahlen, wenn wir woellten. Wir, nun relativ erzuernt (besonders Carole =), machten uns also abermals auf den Weg zurueck in die Stadt, ohne zu wissen, was der Polizist eigentlich erwartete, dass wir tun wuerden, und ohne zu wissen, was um Himmels Willen der Vermieter gemacht hatte, anstatt aufzukreuzen. Letzteres wurde geklaert, er war zur oertlichen Polizeistation gefahren, um sich mit ihnen ueber den Fall zu unterhalten. Wir erklaerten ihm, dass der Polizist mit der Quittung nicht zufrieden war, und schliesslich begleitete er uns mit seinem Motorrad zu der Abzweigung, an der immerhin der Polizist inzwischen wieder war.
Waehrend seiner Kommunkations- und Bestechungsversuche wurden wir langsam in das Problem eingeweiht: Aufgrund der Semana Santa schlossen an diesem Tag die Banken, um erst wieder am Montag zu oeffnen. Daher konnte er den Strafzettel nicht bezahlen. Er bot dem Polizisten an, meinen Fuehrerschein gegen seinen einzutauschen, und untermauerte seine Argumentation mit einer zusammengefalteten 200-Cordoba-Note. Das half aber alles nichts, der Polizist war nun mal ein Beamter, der die Macht seiner Stellung genoss, und da wir uns ihm gegenueber auch nicht besonders freundlich ausgedrueckt hatten, weigerte er sich schliesslich, weiter mit dem Vermieter zu reden, und stellte sich taub. Schliesslich versprach mir der Vermieter, mit Gottes Hilfe den Fuehrerschein zu bekommen, bis wir Donnerstag abend wiederkaemen.
Wir machten uns also schwereren Herzens, und ca. 3 Stunden spaeter, auf, die Insel zu erkunden. Der erste Halt war die Lagune Charco Verde mit dem danebenliegenden Strand, mit schoener Sicht auf die 2 Vulkane.
Danach ging es weiter die befestigte Strasse entlang, bis zur Abzweigung zum zweiten Inselteil. Hier mussten wir uns langsam fragen, wie wir es schaffen sollten, den Roller unbeschaedigt zurueckzugeben. Schon in Moyogalpa hatten wir erkennen muessen, dass einige „Bumper“ so gebaut sind, dass man beim Ueberqueren mit einem Roller unweigerlich Bodenkontakt hat, und aufpassen muss, dass man nicht vollstaendig aufsetzt. Und die Strasse die nun folgte, war am besten zu Pferd, notfalls mit einem Allradantrieb oder aber einem Mofa zu begehen. Das war vielleicht auch der Grund, dass wir alle diese Fahrzeuge haeufig sahen, hingegen keinen einzigen anderen Roller. Wir suchten unseren Weg zwischen den groesseren Steinen hindurch. An den schlimmsten Stellen musste Carole absteigen, um mir das Weiterkommen zu ermoeglichen. Ab und zu konnte man aber auch ganz nett vor sich hin fahren.
Wir machten noch einen Stop, an einer kristallklaren Quelle, mit erfrischend kaltem Wasser, die zu einem Schwimmbecken umfunktioniert worden war.
Als die Strasse ca. 5 km vor Merida immer schlimmer wurde, entschieden wir uns schliesslich fuer Umkehr. Beziehungsweise dafuer, der „Oeko-Herberge“, an der wir eine Minute zuvor vorbeigekommen waren, eine Chance zu geben. Uns mutete schonmal sympathisch an, dass der Weg dorthin besser war, als die Strasse: Die Besitzer hatten 2 jeweils 20cm breite Zementbahnen zwischen die Steine gebaut. Auf der rechten davon fuhr ich also, mich wie in einem Videospiel fuehlend, bei dem es darum geht, nicht zur Seite abzustuerzen. Ich meisterte den kurvigen Weg ohne Unfall, mit dem Gedanken, dass ich an meinem ersten Rollerfahrtag Strecken die Stirn bieten musste, die ein durchschnittlicher Heidenheimer Jugendlicher in seinem 2-jaehrigen Rollerfahrleben nie zu Gesicht bekommt.
Das Hotel war die Anfahrt jedoch wert: Mit herrlicher Aussicht auf beide Vulkane, einem schoenen Zimmer und gutem Essen versoehnte es uns mit der Welt. Von der Terasse konnten wir sogar einen Affen in einem entfernten Baum ausmachen.

Am Gründonnerstag (01.04.) schliefen wir aus, und starteten den Rueckweg. Nach 5 Minuten hielten wir zum Fruehstueck, nach weiteren 5 zum Baden. Dann ging es nach Altagracia, der zweiten Stadt und zweiten Tankstelle auf der Insel. Nach dem Tanken in der Stadt angekommen, wurden wir nochmal kontrolliert. Ich zeigte dem Polizisten meinen Strafzettel, und wir erklaerten den Sachverhalt. Er murmelte schon etwas von einer Verdopplung der Gebuehr, sein Kollege liess uns aber lachend weiterfahren. Im Parque Central wurde ein Licuado getrunken, dann ging es zurueck die ausgebaute Strasse entlang Richtung Moyogalpa, inklusive wunderschoenem Sonnenuntergang, vom Roller aus genossen.
Der Vermieter hatte den Fuehrerschein nicht erlangen koennen, jedoch versprach er, tags darauf mit uns nach Rivas zu fahren, um die Sache zu klaeren.

Karfreitag (02.04.) ging es also mit ihm und der Faehre nach San Jorge, von da mit dem Taxi zur Polizei in Rivas. Dort wandelte ich mit ihm von Beamtem zu Beamtem, bis zum Chef, der aber auch kein Auge zudruecken wollte. Die einzige geoeffnete Bank befand sich an der Grenze zu Costa Rica. Der Vermieter, mit dem Wunsch im Herzen, einen guten Eindruck von Nicaragua zu hinterlassen, bot an, zur Grenze zu fahren, um das zu regeln. Ich wollte das nicht von ihm verlangen, und beschloss, mich zu gedulden, bis ich bald auf dem Weg nach Costa Rica in Rivas vorbeikommen wuerde. Er verprach, Montag Morgen sofort auf die Bank zu gehen, und ich koennte ihn dann anrufen, wenn ich in Rivas sei, und er kaeme mit der Faehre, um mir den Fuehrerschein zu geben.
Carole und ich setzten uns daraufhin in einen Bus, um Ostern in Granada zu erleben. Wir entschieden uns diesmal fuer ein 5 Dollar teureres Zimmer, das dafuer ueber ein vernuenftiges Bett, einen Fernseher und sogar einen Kuehlschrank verfuegte.
In der Stadt begnetete uns eine Prozession, auf dem Weg zum Cafe Imagine. Dieses Cafe mit Johns Kopf als Symbol hatten wir Abend fuer Abend aufsuchen wollen, es war aber immer geschlossen gewesen. Es war die herbste Enttaeuschung, die meine Reise zu bieten hatte: Ausser ein paar aufgehaengten Beatles-Postern war von einer besonderen Atmosphaere nichts zu spueren, es kam keine John-Musik, und die Preise waren mehr als doppelt so teuer wie in jeglichem anderen Restaurant. Ohne etwas zu bestellen, und mit dem Gedanken, dass John diese Bar keinesfalls fuer gut befunden haette, verliessen wir den Laden.

Den Karsamstag (03.04) verbrachten wir ruhig in Granada, durch die Gassen schlendernd und Fotos von den Kameras austauschend. Des Nachts machte uns die Hitze trotz zweier Ventilatoren schwer zu schaffen.

Sonntagvormittag (04.04.) besuchte ich einen Ostergottesdienst, und war dort ueber die Gottesdienstzeiten der Kirche verbluefft (Staune, Brueckengemeinde =): Von Montag bis Samstag zweimal taeglich, 6 Uhr morgens und 17 Uhr nachmittags, sowie Sonntag von 8 bis 19 Uhr durchgehend.
Bei einem Strassenverkaeufer entdeckten wir endlich, was wir seit Leon gesucht hatten: Einen schnoerkellosen, kleinen Rettungsring, mit dem Carole die vorherrschenden Holzstuehle sitzertraeglich fuer ihren Ruecken machen konnte. Im Nachhinein bereue ich, dass ich dem Mann nicht 100 statt den von ihm verlangten 25 Cordobas gezahlt habe.
Nachmittags machten wir die Hitze im „Granada Beach Club“ ertraeglich, der fuer 5 Dollar einen Pool anbietet, in dem seltsamer Weise ein Ehepaar Enten zwischen den zahlreichen Gaesten schwamm.

Und mit Montag (05.04.) war er da: Unser letzter Tag. Carole wuerde am Dienstag ihre Heimreise antreten, ueber Managua, San Salvador und Tapachula nach Cancún, von wo das Flugzeug sie kommenden Montag nach Frankreich bringt. (Der Flug hatte sich aufgrund eines besonderen Tarifes nicht oertlich umbuchen lassen, man frage Continental nach dem Sinn.) Wir fuellten unsere Mp3-Player mit Musik des andern. Abends besuchten wir nochmal Charlys der Pfannkuchen wegen.

Dienstag (06.04) also nach einem letztem Fruehstueck stieg sie in ihren Bus, und ich eine halbe Stunde spaeter in den meinen.

In Rivas erhielt ich meinen Fuehrerschein, nachdem die Polizistin eine Viertelstunde lang in scheinbar voellig unsortierten Strafzetteln gewuehlt hatte. (Ach doch, es gab das Merkmal der Farbe: rot oder gelb) Sie meinte noch, ich haette Glueck, er war naemlich schon zum Verschicken nach Managua bereit; dorthin kommen alle auslaendischen Fuehrerscheine ueber kurz oder lang. Ich bin nur froh, ihn wiederzuhaben, und werde ihn wohl bis zu meiner Rueckkehr nicht noch einmal beanspruchen.
Von Rivas aus eine halbe Stunde im Taxi bis zur Grenze; von dort 2 Stunden im Bus nach Liberia, der ersten groesseren Stadt in Costa Rica. Hier hiessen mich die teuren Preise willkommen: eine Tuete Wasser z.B. kostet viermal so viel wie in Nicaragua.

Und hier sitze ich nun. Ich verbrachte den heutigen Tag (07.04)in einem Internetcafé, mit einer Unterbrechung von 15 min Essen. Wie K. unfaehig zu denken, in einer zombiehaften Trance, sie mit Blogschreiben und Bayern-ManU-Stream ankucken aufrechterhaltend. Nach ein paar wichtigen Chatgespraechen (unter anderem natuerlich Carole) fuehle ich mich langsam erwachen.
Morgen kommt mich Sina von San José aus abholen, und es geht in ihrer Gesellschaft weiter.

Die erste Haelfte des Prozesses ist vorbei, und ich wage zu hoffen, ich mache mich besser als mein bekannter Vorgaenger: Ich wuerde immerhin nie auf die Idee kommen, meine Unschuld zu behaupten. Ich bin zuversichtlich, dass ich so um ein Todesurteil herumkomme. =)

Herzliche Gruesse

euer Lukas E.


7 Antworten auf „La venada viene, la venada se va…“


  1. 1 Amrei 08. April 2010 um 19:53 Uhr

    wie immer sehr erheiternd und einfach genial… ich wünsch dir einen guten ausgang des prozesses

  2. 2 Administrator 08. April 2010 um 20:02 Uhr

    Danke enseguida :D

  3. 3 McO´Ebro 08. April 2010 um 22:02 Uhr

    Ausgerechnet Dein Vater, hoffentlich zwar nicht Weichei, aber doch bestimmt Weichherz, soll da sich mit einem zwar unfähigen, aber wohl doch armen Hund von Kellner anlegen? Das bezweifle ich, vielleicht kennst Du ihn aber besser..
    Wie immer hatte ich Vergnügen. Schön, dass Dich Sina abholt, vielleicht hat sie auch ein Seil dabei, um Dich aus dem Loch, in das Du nach dem „Leaving on a jet-plane“ gefallen sein musst, rauszuholen.
    Wünsche Dir eine gute zweite Prozesshälfte!

  4. 4 doris eber 09. April 2010 um 4:49 Uhr

    genial – oder auch erschreckend, wie k.s erlebnisse mit dem gericht zu deinen begegnungen mit der obrigkeit passen! bin immer wieder froh am ende der erzaehlungen, dass du alles gut ueberstanden hast… moege es weiter so bleiben!

  5. 5 Herr Senf 09. April 2010 um 22:20 Uhr

    Bin ich froh, dass mein Process noch nicht angefangen hat. Ich wäre wohl eher wie K und würde meine Unschuld behaupten =)

    Wirst du eigentlich Roberto besuchen oder studiert der noch in Spanien?

    Viele Grüße
    Philipp

  6. 6 Administrator 10. April 2010 um 1:24 Uhr

    Danke fuer die netten Kommentare (=

    Ich werde Roberto sicher besuchen, ja. Dass er in Spanien studiert, war ein Geruecht, dass vor circa einem Jahr kursierte ^^

  1. 1 Der Schauproceß des Lukas E.: Ein fragwürdiges Lehrstück in Sachen Imperialismus | FAHR MIT! Pingback am 10. April 2010 um 23:57 Uhr
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